Diagnose: alt!

Es war in Zürich, zwischen Hauptbahnhof und Paradeplatz, im Tram, zur Vorweihnachtszeit. Freie Sitzplätze gab es keine. Enge herrschte.

Ich, obschon mitten in diesen Widrigkeiten eingeklemmt, fühlte mich, irgendeiner Laune seis gedankt, grossartig und frei von jeglichen Unpässlichkeiten. Da waren also keine Hustenanfälle, die mich geschüttelt hätten, noch trug ich einen blutgetränkten Kopfverband, von einem Schwangerschaftsbauch, der eine reduzierte Belastbarkeit bei mir hätte vermuten lassen können, natürlich gar nicht zu reden – absolut gar nichts von alledem.

Wirklich, da hat sich Kraft, Tatendrang und Zuversicht in mir versammelt gefunden wie schon lange nicht mehr. Dabei stach mich - wohl Kapriole einer adventlichen Rebellionslust - zusätzlich der Ehrgeiz, diese meine doch so souveräne Befindlichkeit auch möglichst unübersehbar zur Schau zu stellen. So war ich drauf, lebensprühend.

Dann: «Möchtet sie viellicht liäber sitzä?» Diese in ausnehmend freundlichem, um nicht zu sagen empathischem Ton vorgebrachte Frage war, keine Chance, es anders zu deuten, an mich gerichtet. Der junge Mann, von gewinnendem Äussern, sympathisch und aufgeweckt, sah mich jetzt, bereits im Begriffe sich zu erheben, aufmunternd an. Ich: «Oh, sehr nett vo inna, aber tangga, goht guat so.»

Weshalb ich das erzähle, nun ich war erschüttert über das Vorgefallene. Man muss wissen, ich, männlich, war damals zwar 60+, aber doch noch mit nennenswertem Abstand zu 70. Dabei eine robuste, einiges an Dynamik verströmende Erscheinung. So jedenfalls meine Selbsteinschätzung - die bisherige. Auch wichtig, damit mein unverzüglicher Stimmungssturz verständlich wird: So was ist mir erstmalig widerfahren, lebenszeitlich erstmalig. Und der Zusammenhang, in den das Ganze zu stellen ist, so klar wie schonungslos: Ich wirke alt.

Dann, nachdem der Frustrationssturm inzwischen wieder etwas abgeflaut war, einsetzende Reflexion. Der Versuch, das Erlebte einzuordnen und es einer Art Diagnose zuzuführen, um womöglich Vorsorge zu treffen, mich künftig bei vergleichbarem Geschehen weniger erschütterbar zu zeigen. Da gabs ein offensichtlich wohlwollendes Angebot, arglos vorgebracht von sympathischer Seite. Eins, durch das, lebenssprühende Gestimmtheit hin oder her, meine Tramfahrt sicher um einiges angenehmer und entspannter geworden wäre, hätte ich es denn angenommen. Weshalb habe ich es nicht getan? Weshalb war es mir verwehrt, mit einem willkommen heissenden Lächeln im Gesicht, festzustellen, ah, jetzt sind sie da, die verdienten Privilegien des Alters?

Mir kommen Werbesprüche in den Sinn, kürzlich in Zürichs Strassen zu sehen. Durchaus witzig, geschickt darauf angelegt ins Bewusstsein des Lesers zu greifen und dort sozusagen den einen oder anderen Trojaner zu installieren. Ich glaube, sie mir gemerkt haben zu können, etwa so: Man ist nie zu alt, um jünger zu werden. / Bügeln sie die letzten 20 Jahre aus. / Entdecken sie neue Entfaltungsmöglichkeiten.

Und jetzt, nur schon gestützt auf diese wenigen Beispiele, - rumzudeuten bleibt da nichts – dröhnt als Kern der Botschaft, die uns permanent und aus allen Richtungen ins Gesicht oder auf die Ohren geknallt wird, dies und nichts anderes: Gute Alte sind einzig die, welche mit Erfolg alles daransetzen jünger erscheinen, als sie sind.
Und dann, dadurch inspiriert und weiterdenkend, bei mir der Satz – ich weiss politisch furchtbar inkorrekt und das zu Recht, aber doch analog: Gute Schwarze sind einzig die, welche mit Erfolg alles daransetzen, hellhäutiger zu erscheinen, als sie sind.
Analog deshalb, weil es doch in beiden Fällen darum geht, einmal real, das andere Mal in der Fiktion, einen biologisch determinierten Zustand oder mehr noch, eine Identität, als nicht konform und sozial unerwünscht zu erklären, verbunden mit der Aufforderung, sie doch bestmöglich zu verhüllen, auf dass auch ja kein Auge durch sie behelligt werde.

Also, was erwartet oder recht eigentlich diktiert wird, ist doch, sich selbst in seinem naturgegebenen Sosein verleugnen zu müssen. Etwas mithin, das an Entwürdigung kaum zu übertreffen ist, ja geradezu als deren Inbegriff gelten kann.

Schwarz wird man geboren, alt ist man, wenn es hinreichend weit zurückliegt, dass man geboren worden ist. Im Falle der Aufforderung zur Hautbleichung, wäre der Shitstorm gewaltig und würde die Vertreter solch einer Haltung sozial unverzüglich vernichten und obendrein noch auf die Anklagebank befördern. Wie kommt es, dass Reaktionen dieser Art im Falle der Alten ausbleiben? Weshalb wird es, abgesehen wohl von den uralten, einfach so hingenommen, nicht alt sein, oder doch zumindest alt erscheinen zu dürfen? Es bleibt schleierhaft.

Also, um nicht im gesellschaftlichen Abseits zu landen gelten die Instruktionen: Oberlider straffziehen (lebenslänglichen Ausdruck akuten Erschrecktseins in Kauf nehmend), Tränensäcke einebnen, Testosteron einverleiben, oder auch Motorradrennen fahren, sich von Brücken in die Tiefe stürzen (angeseilt), auf riskanten Routen hohe Berge erklimmen, eine junge Frau an die Seite nehmen, zumindest im Tochter-, besser im Enkelinnenalter, etc.

Oder aber: Den Zerfall gleichmütig geschehen lassen, auf gemächlichen Spaziergängen sich der Natur erfreuen, mit kleinem Stolz dem Spiel der Enkel zuschauen, bei Gartenarbeit in die schwere dunkle Erde greifen, sich müde liegend zerfliessen lassen und schliesslich dem Tod in faltenreichem Frieden entgegenlächeln und eben gerade nicht, panisch mit unnatürlich aufgerissenen Augen nach der unwiederbringlichen Jugend schreiend.

Ich bin gerade ratlos. Nur so viel, ab sofort werde ich in klandestinem Protest am Stock gehen. Wobei, damit auch keine Missverständnisse aufkommen, meine Beine selbstredend weiterhin jugendlich, kraftvoll und obendrein erlesen wohlgeformt sein werden.