Paradoxie der Liebe

Die Liebe will Ewigkeit. Kaum hat sich ein Paar gefunden beschäftigt es sich ausgiebig und nachhaltig mit Beschwörungen der Zukunft. Einer Zukunft, die selbstredend eine gemeinsame zu sein hat und nichts darstellt als ein Gefäss zur Überdauerung und Entwicklung der gegenseitigen Liebe. Von den Ferien zu zweit, über das gemeinsame Heim und dem daselbst zu zeugenden Nachwuchs, weiter zu dessen Aufzucht unter der Strahlkraft geteilter Ideale, bis hin zu Visionen, die anheben mit dem Satz, und wenn wir dann einmal alt sind, wird die Zukunft vorweggenommen als eine einzige Entfaltung der gemeinsamen Liebe. Und am Ursprung dieses eifrig / freudigen Planens und Entwerfens, im Dunkel und unanfechtbar, klingt der Satz, bis dass der Tod euch scheidet.

Was würden wir von einem halten, der sich dahingehend äussert, dass man sich zurzeit zwar heftig liebe, jedoch keine Gedanken daran verliere, wie sich das Zusammensein künftig gestalten könnte, ja man auch nichts über die Dauer dieser Liebe vorwegnehme, nicht mal, ob sie den morgigen Tag überlebe? Wir würden zum Schluss gelangen, dass eine Gefühlslage, die so spricht, kaum etwas mit dem, was in der Regel unter Liebe verstanden wird, zu tun haben dürfte.

Liebe will Ewigkeit, und das, wenn immer möglich unverbrüchlich garantiert. Eine derartige Gewissheit wiederum schliesst mit ein, dass der geliebte Partner gar nicht anders kann, als die Liebe dauerhaft zu erwidern. Das jedoch bedeutet, dass bezüglich dieser Emotion und ihrer Ausrichtung seine Autonomie gleichsam ausser Kraft gesetzt wäre. Es müsste also ein durch und durch deterministischer Mechanismus ins Spiel kommen, der seinen eigenen Gesetzen gehorcht, gänzlich losgelöst von der Person des Partners. Ein Mechanismus, der sich in der Unbeirrbarkeit der physischen Sphäre des Menschen, in seiner genetischen Ausstattung vielleicht oder auch in sowas wie einer unverrückbaren mentalen Konstante, verankert fände. Irgendeine, den Vorgaben der Natur gehorchende Gegebenheit, etwa eine Molekülkonstellation, wäre damit verantwortlich für die Erfüllung der Liebessehnsucht nach Dauer und Gewissheit.

Spätestens an dieser Stelle setzt der Zweifel ein, ob diese so wunderbar fest gefügte Liebe überhaupt noch als Liebe von jemandem verstanden werden kann, oder ob die Rede von einem Ich, das liebt, hier nicht vielmehr als unsinnig zu verwerfen ist. Es scheint, die Liebe als einer ewigen und gewissen gibt es nur um den Preis, dass sie aufhört, diejenige einer Person zu sein. Aber auch und gerade darum geht es ja: Sie, die Liebe, soll von einer ganz bestimmten Person ausgehen als Ausdruck ihres ureigenen Wollens und darüber hinaus eben die unzweifelhafte Perspektive, für immer zu dauern, bieten.

Damit wird die jeder Liebe innewohnende Tragik offensichtlich. Sie verlangt Unerfüllbares, weil Paradoxes. Ist sie Ausdruck des autonomen Wollens eines lebendigen Individuums, wird sie niemals einer gleichsam naturgesetzlichen Konstanz genügen können. Versteht sie sich hingegen als ewig und gewiss, so wird sie vergegenständlicht und ihr Ursprung lässt sich nicht mehr in der Freiheit einer Person festmachen. In diesem Spannungsfeld hat man sich zu positionieren. Alles Umherirren hilft nichts. Der Ort, wo die Liebe ganz zu sich selbst gelangt, bleibt ewig unauffindbar und alle Versuche einer Annäherung daran finden nie über den Zustand eines labilen Gleichgewichts hinaus.